Calla-Blumen
(Der Straßenverkäufer)

Um elf Uhr war er vor dem Gasthaus „Zu zwei Weintrauben“. Oder zumindest dort, wo es früher einmal stand. Um halb zwölf ging er neben dem „Russischen Zaren“ vorbei. Ohne jemanden anzusehen. Ohne jemanden zu begrüßen.

In seinem Gang, der von Zeit zu Zeit mehr einem Schlottern ähnlich ist, erinnert etwas an eine Prozession, an eine Feierlichkeit. Auch ein Bündel der sorgfältig beschnittenen Calllen, die er in seinen Händen trägt, erinnert an einen schlanken vielarmigen Kerzenständer.

Um zwölf Uhr dreißig ging er durch die Lindenstraße hindurch. Noch immer von den Blumen abgeschirmt, die in Richtung eines mit Drähten und wäschebehangenen Balkons, mit Schmuckpflanzen auf Mansarden und Antennen verzierten Viereckchen des Himmels ragten. Als ob er sie im Gleichgewicht zu halten versuchte, wodurch aus den Höhen langsam der Äther – die hellste Botschaft der Hauptstadt – in sie hineintropft.

Auch die Rosen, die er früher in Körbchen vorbeibrachte, wortlos zum Verkauf anbot, mitten in der August-Hitze, vor Geschäften mit Unterwäsche und Parfums, oder vor Frisiersalons waren ebenso mutig und edel. Der Duft ihrer Blüten war aber mehr als ein einfaches Straßenangebot. Es war die echte Versuchsstation eines vibrierenden Gartenweltalls in der Hitze des Betons, die mitten im Unmöglichen verankert war.

Und jetzt noch die Calla-Blumen! Von seinen Händen her öffneten sie sich als gepflegte Beispiele der Gartenkunst, in jeder Blüte gleichzeitig das Perlmut ihrer vollkommenen Unschuld bewahrend, das – gleichsam Votivtrompeten - zum Himmel offen war.

Zu ihnen hat er gesprochen, gesungen, für sie hat er getanzt, ist er spazieren gegangen.
Mal bescheiden abgeschirmt. Mal gekrönt. Mit Leichtigkeit die eigene Nebensächlichkeit, sogar die angeborene Stummheit akzeptierend.
Sie vor sich hertragend, so wie Eltern ihre Kinder leicht vor sich herschubsen. Die Schreiber der Worte.

Tanja Kragujevic (aus dem Serbischen von Goran Novakovic)